leipzigart KUNSTJOURNAL
Andreas Dress
TRANS-TANZ
Bilder 1992-2000
Zu den wichtigsten und gleichzeitig eigenwilligsten sächsischen Künstlern zählt Andreas Dress, der 1943 in Berlin geboren wurde, seine Kindheit in Sebnitz und die Jugend in Bielefeld erlebte.
Im Dresdner artotel sind jetzt Gemälde und Farbgraphiken aus den letzten Jahren zusammengestellt, die auf charmante und überzeugende Weise einen lebendigen Künstler vorstellen, der seine Intentionen mit virtuoser Konsequenz und hoher gestalterischer Qualität gegen Oberflächlichkeit, banale Gags und schnell konsumierbare modische Kapriolen setzt. Und Dress wirkt zudem wie ein Junger Wilder angesichts des ringsum populistisch-verflachten Medienteppichs, auf dem die sich die ähhh-ähhh-hä-hä-hä-meine Damen-und-Herren Normalo-Spaßgesellschaft zu Tode amüsiert.
Andreas Dress: fleurs de
bonheur,
Farbserigraphie, 63 X 90 cm, 1996-1998
Kunst- und Kongreßhalle im artotel Dresden, Maxstraße 2, bis 16. Juli 2000
Arbeiten von und Informationen über Andreas Dress erhalten sie bei der GLOBUS GALERIE (Leipzig/Berlin) sowie bei der GALERIE MITTE (Dresden)
Karin Weber: Zur Ausstellung mit Arbeiten von Andreas Dress im Dresdner artotel
Andreas Dress zählt wohl zu den bekanntesten sächsischen Künstlern, die der künstlerischen Druckgrafik zu besonderer Anerkennung verhalfen. Dass er sich auch der Malerei bedient, ist den wenigsten Kunstliebhabern bekannt. Also ist es an der Zeit, so meine ich, diese Wissenslücke mit einer großartigen Schau zu schliessen, die den "Trans-Tanz" von Andreas Dress raumgreifend entfaltet.
Andreas Dress philosophiert in seiner Bildwelt, ohne geschwätzig zu sein, mit geistvoller Satire über die Gegenwart und erfindet aberwitzige Parabeln, zu deren Verständnis er dem Betrachter den Leitfaden in Form eines wortgewandt hintersinnigen Titels darreicht. So endet zuweilen das "Marschblasen" zur "Johannisnacht" im "Fan-Tango". Doch die "stillen Tage in S." überwiegen, in denen Andreas Dress seinen Tagträumen nachhängt. Die Leinwand ist eine Oase, in der die "Sause in Blau" mit tänzelndem Pinselduktus entfesselt wird und zwar in einer "Flugstunde" der Phantasie. Die Malerei ist ihm ein Refugium, ein "großer siebter Himmel", und dass "je länger, je lieber".
Es gibt viel zu sehen auf den Bildern und Zeichnungen von Andreas Dress und dennoch bildet das Unsichtbare den Kern. Verborgenes läßt er als flüchtige, verwehte Spur andeutungsweise, Schicht um Schicht wachsen. Geheimnisvolle Kürzel und labyrinthische Linien bestimmen seine Bildwerke, in die man sich wirklich einsehen muß. Sie wirken zart und zerbrechlich, temperamentvoll und chaotisch, wobei das Außen sich im Innen widerspiegelt und umgekehrt.
Die Bildstrukturen sind demnach die
unmißverständliche Quintessenz eines wühlenden
Seelenlebens, aber ebenso entwickelt aus den Befindlichkeiten von
gestern und heute, mal heiter und mal melancholisch.
Andreas Dress entwirft in einem an- und abschwellenden Endlosband von
dynamisierten Leibern "schwerelos losgelassen" ein anregendes,
übersprudelndes Lebensgeflecht, und vermittelt, "was das
wahnsinnige Auge und die psychedelische Erfahrung, aber auch ein
hingebungsvoller, aufblühender Sonnen-Traum hinter geschlossenen
Lidern längst entdecken konnte" (Gunhild Brandler, 1993)
Das Werk von Andreas Dress ist demzufolge ein
romantisches Phänomen in einer Zeit minimalistischer Konzepte
und bleibt dennoch der Modernität verhaftet, weil es Elemente
des Psychologischen, des Expressiven, des Anarchischen, des
Nihilistischen und des Lustprinzips, das der Künstler uns
überall zu erkennen gibt, verbindet.
Helligkeit und Dunkelheit, diese mörderischen Gegensätze,
gehen in seiner Bildwelt eine tanzende Verbindung ein. Vieles wirkt
absurd und ist dennoch realistisch, manches wirkt verträumt und
wird eigentlich von melancholischen Gestimmtheiten genährt.
Mit dadasophischen Spitzfindigkeiten in der Titelgebung sind diese
verwirrenden Phantasmagorien gespickt. Dress potenziert die Welt mit
lebenshungrigen Überschwang. Mehr ist mehr. Mehr ist gerade
genug. Weniger wäre zuwenig. So erscheinen seine Arbeiten als
ein wohltuendes Gegengift zur gängigen Apokalypse.
Andreas Dress hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Opportunismus liegt ihm ebenso fern wie Selbstverleugnung. Den Osten im Rücken, mitten im Westen nimmt er für sich das Recht in Anspruch, figurative Botschaften auszusenden, so wie er es immer getan hat. Und er hat damit viele Freunde gefunden, auf der Suche nach Identität und durchgehendem Lebenssinn.
Und so brodelt in dem Meer seiner Schöpfungen eine seltsame Alchemie, denn die äußere Kontur der Wesen, als behütende Grenze zum Außen, ist nicht starr in der wilden Ordnung durchlässiger Illusionen. Die Grenzen sind eben gefallen, und daß nicht nur auf der politischen Landkarte!
So thematisieren die Arbeiten von Andreas
Dress den unwiederbringlichen Lebens-Tanz mit all' seinen Exzessen,
indem sie die Gier nach Leben absorbieren und die Heiterkeit und die
Tragik ebenso, die damit verbunden sind. Aber über dem
tumultösen Geschehen sinnlicher Triebe auf seinen Blättern
und Leinwänden schwebt immer der unerträgliche Gedanke an
die Endlichkeit all' dessen, an den Tod, wo man doch heute nach
Ewigkeit strebt und Ewigkeit allgemeinhin lebt...
So ist der Frohsinn, den seine Werke ausstrahlen auch nicht
aufgesetzt, denn Andreas Dress ist ein ernsthafter, lebenszugewandter
Künstler, der es aber nicht verlernt hat, seinem Spieltrieb zu
huldigen, Tagträume zuzulassen. Und da er nicht im luftleeren
Raum lebt, berührt ihn die widersprüchliche Alltagswelt,
und er spürt umso nachhaltiger den permanenten Tanz auf dem
Vulkan.
Die andauernde Verstrickung von intimer Lust und Qual, Weib und Mann,
Leben und Tod, Aggression und Passion, Fliehen und Suchen, Hick und
Hack seziert die Psyche der Menschheit, die in den Bildwelten des
Künstlers metaphorisch bloßliegt. So jongliert Andreas
Dress als Wissender in vereinnahmender Ausgelassenheit, und zuweilen
musikalischer Gestimmtheit mit Deutungen und Bedeutungen, mit
Figurationen und Gedanken und spielt Schicksal mit seinen Malmitteln.
Es ist beileibe kein Trauermarsch, den er anstimmt.
Er weiß, wovon er in übertragenem Sinne sprechen möchte, sobald ein Zeichenstift das Blatt Papier berührt oder die Farben gemischt sind. Seiner Hand entstammt ein Universum unverwechselbarer künstlerischer Druckgrafiken, unikater Künstlerbücher und großformatiger Malereien. Zu sehen sind in der Ausstellung Bildwerke gespickt mit Farbserigrafien aus den Jahren 1992-2000.
Und da es in der Welt keinen Halt mehr gibt,
lagert sich vieles in den Bildhäuten ab. Schicht um Schicht
bewältigt der Künstler die Flächen und sucht mit ihnen
und in ihnen einzig "das" Bild, welches "alles" beschreiben
könnte. Andreas Dress trägt eine nie versiegende
Bilderfülle im Kopf. So werden die Bildträger
überschwemmt, mit dem ersten Tropfen von Farbe, der die Leinwand
trankt.
Willkommen im Malstrom könnte man dann sagen, im Malstrom mit
seinen zahllosen Strudeln und Untiefen. Träume und Visionen
werden lebendig, tauchen auf und wieder ab im Farbenmeer, werden
umwickelt mit Linien, gewinnen Form und nehmen unwiderruflich und
immer wieder den eigenen, bereits gesponnenen Lebensfaden auf. Alles
ist im Fluß, wie das Leben selbst. Erlebnisse überlagern
sich und brechen sich Bahn, unverhofft, aber verwandelt. Auf der
Leinwand fühlt sich Andreas Dress wohl, hier kann er durchatmen,
befreit vom Draußen und doch gefangen wiederum im Innen.
Farbe verhüllt, verschleiert, klärt, umreißt klar,
läßt verschwinden, organisiert, bändigt das lineare
Auf und Ab, den Wahn und den Sinn exaltierter, ekstatischer
Körperphänomene, die ihre teils unwirklichen und doch
realitätsnahen Geschichten Stück für Stück
preisgeben, wenn man es als Betrachter versteht, seine Augen richtig
zu fokussieren.
Es kann auch passieren, daß der Künstler nach Jahren
Arbeiten wieder hervorholt, um sie einer weiteren, transparenten
Malschicht auszusetzen.
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